5. Mai
15.05.1986 / Seite 1 / Inland

Ansprache Michail Gorbatschows im sowjetischen Fernsehen

Generalsekretär des ZK der KPdSU zur Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl UdSSR schlägt Erweiterung der Zusammenarbeit bei friedlicher Nutzung der Atomenergie vor / Moratorium für Nukleartests bis zum 6. August verlängert Bereitschaft zum unverzüglich

Wie Sie alle wissen, hat uns unlängst ein Unglück ereilt — die Havarie im Kernkraftwerk Tschernobyl. Es hat die sowjetischen Menschen schmerzlich berührt und die Weltöffentlichkeit beunruhigt Wir sind zum erstenmal real mit einer so gefährlichen Kraft konfrontiert worden wie der außer Kontrolle geratenen Kernenergie.

Angesichts des außerordentlichen und gefährlichen Charakters dessen, was in Tschernobyl geschehen ist, hat das Politbüro die gesamte Organisation der Arbeiten zur schnellsten Beseitigung der Havarie und zur Eingrenzung ihrer Folgen in die Hände genommen. Es wurde eine Regierungskommission gebildet, die sich unverzüglich zum Ort des Geschehens begeben hat. Im Politbüro wurde zur Erörterung von operativen Fragen eine Gruppe unter Leitung von Nikolai Ryshkow gebildet. ' Es wird rund um die Uhr gearbeitet. Die wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten des ganzen Landes sind mobilisiert. Im Gebiet der Havarie arbeiten die Organisationen vieler Unionsministerien .und anderer zentraler Staatsorgane unter der Leitung von Ministern sowie führende Wissenschaftler und Spezialisten, Truppenteile der sowjetischen Armee und Einheiten des Ministeriums des Innern.

Einen gewaltigen Teil der Arbeit und der Verantwortung haben die Partei-, Staats- und Wirtschaftsorgane der Ukraine und Belorußlands übernommen. Aufopferungsvoll und mutig arbeitet das Kollektiv des Betriebspersonals des Kernkraftwerkes Tschernobyl.

Was ist eigentlich geschehen?

Wie die Fachleute mitteilen, ist während der planmäßigen Abschaltung des vierten Blocks die Leistung des Reaktors plötzlich angestiegen. Das Austreten beträchtlicher Mengen Dampf und die nachfolgende Reaktion führten zur Bildung von Wasserstoff, zu dessen Explosion, zur Zerstörung des Reaktors und der damit verbundenen radioaktiven Emission.

Es ist jetzt noch zu früh, ein endgültiges Urteil über die Ursachen der Havarie zu treffen. Die Regierungskommission betrachtet aufmerksam alle Aspekte des. Problems — Konstruktions-, Projektierungs-, technische und Betriebsaspekte. Es versteht sich, daß, nachdem die Ursachen der Havarie analysiert worden sind, alle notwendigen Schlußfolgerungen gezogen und- Maßnahmen eingeleitet werden, die eine Wiederholung des Geschehenen ausschließen.

Wie ich schon sagte, haben wir es zum erstenmal mit so einem außergewöhnlichen Vorfall zu tun, bei dem es galt, die gefährliche Kraft des äußer Kontrolle geratenen Atoms einzudämmen und das Ausmaß der Havarie maximal einzugrenzen.

Der Ernst der Lage war offensichtlich. Sie mußte schnellstens und von kompetenter Seite eingeschätzt' werden. Als wir die erste zuverlässige Information darüber hatten, wurde sie den sowjetischen Menschen mitgeteilt und über diplomatische Kanäle an die ausländischen Regierungen weitergegeben.

Auf der Grundlage dieser Information wurde mit der praktischen Arbeit zur Beseitigung der Havarie und zur Begrenzung ihrer schweren Folgen begonnen.

In der entstandenen Situation erachteten wir die Gewährleistung der Sicherheit der Bevölkerung und effektive Hilfe für die Betroffenen als allererste, äußerst wichtige Pflicht. Die Einwohner der Siedlung beim Kraftwerk wurden in wenigen Stunden evakuiert. Später, als klar wurde, daß auch für die Gesundheit der Menschen in der angrenzenden Zone potentielle Gefahr bestand, wurden auch diese in sichere Gebiete gebracht. Diese schwierige Arbeit erforderte äußerste Schnelligkeit, organisiertes Vorgehen und Exaktheit.

Trotz der eingeleiteten Maßnahmen konnten viele Menschen vor Schaden nicht bewahrt werden. Im Moment der Havarie kamen zwei Menschen ums Leben - Wladimir Nikolajewitsch Schaschunok, Einrichter für automatische Systeme, und Waleri Iwanowitsch Chademtscb.uk, Operator des KKW. Bis heute wurden 299 Personen mit Strahlenkrankheiten unterschiedlichen Grades in Krankenhäuser eingeliefert. Sieben von ihnen sind gestorben. Den übrigen wird jede erdenkliche Hilfe erwiesen. Das beste wissenschaftliche und medizinische Personal des Landes sowie Spezialkliniken in Moskau und anderen Städten wurden einbezogen. Ihnen stehen modernste Mittel der Medizin zur Verfügung.

Im Namen des ZK der KPdSU und der sowjetischen Regierung möchte ich den Familien und Verwandten der ums Leben Gekommenen, den Arbeitskollektiven und allen, die von diesem Unglück betroffen wurden und persönliches Leid erfuhren, tiefes Mitgefühl aussprechen. Die sowjetische Regierung wird sich um die Familien der Todesopfer und der Geschädigten kümmern.

Höchste Anerkennung gebührt den Einwohnern der Rayons, die die Evakuierten herzlich aufgenommen haben. Sie empfanden das Unglück ihrer Nachbarn wie ihr eigenes und bewiesen entsprechend den besten Traditionen unseres Volkes Einfühlungsvermögen, Verständnis und Rücksichtnahme.

Das ZK der KPdSU und die sowjetische Regierung erhalten Tausende und aber Tausende Briefe und Telegramme sowjetischer sowie ausländischer Bürger, die ihr Mitgefühl und ihre Unterstützung für die Betroffenen zum Ausdruck bringen. Viele sowjetische Familien sind bereit, Kinder für die Sommerzeit bei sich aufzunehmen, und bieten materielle Hilfe an. Nicht wenige bitten, sie in das Gebiet der Havarie zu entsenden, um dort zu arbeiten.

Diese Bekundungen der Menschlichkeit, des wahren Humanismus und hoher Moral bewegen jeden von uns.

Die Hilfe für die Menschen, ich möchte es noch einmal sagen, ist nach wie vor unsere allererste Aufgabe.

Gleichzeitig wird in dem Kraftwerk selbst und in dem angrenzenden Territorium energisch gearbeitet, um die Ausmaße der Havarie zu begrenzen. Unter schwierigsten Bedingungen ist es gelungen, den Brand zu löschen und ein Übergreifen auf andere Energieblöcke zu verhindern. Das Kraftwerkspersonal hat gewährleistet, daß die drei anderen Reaktoren stillgelegt und in einen ungefährlichen Zustand versetzt wurden. Sie befinden sich unter ständiger Kontrolle.

Der harten Prüfung hielten und halten alle stand — Feuerwehrleute, Werktätige des Transportwesens, Bauarbeiter, Ärzte, Spezialeinheiten für chemische Entaktivierung, Hubschrauberpiloten und andere Einheiten des Verteidigungs- und Innenministeriums.

Unter diesen komplizierten Bedingungen hing viel von der richtigen wissenschaftlichen Einschätzung des Geschehenen ab. Denn ohne diese konnten keine effektiven Maßnahmen zum Kampf gegen die Havarie und ihre Folgen ausgearbeitet und getroffen werden. Mit dieser Aufgabe kommen unsere besten Gelehrten der Akademie der Wissenschaften, die führenden Spezialisten der Ministerien und zentralen Staatsorgane sowie der Ukraine und Belorußlands gut zurecht.

Die Menschen handelten und handeln weiterhin, möchte ich sagen, heldenhaft und selbstlos. Ich denke, daß wir noch Gelegenheit haben werden, die Namen dieser mutigen Menschen zu nennen und ihre Heldentaten nach Gebühr zu würdigen.

Mit .Fug und Recht kann ich sagen: Bei aller Schwere des Geschehenen konnte der Schaden in entscheidendem Maße dank des Mutes und des Könnens unserer Menschen, dank ihrer Pflichttreue und dank der Dynamik der Handlungen aller, die sich an der Beseitigung der Folgen der Havarie beteiligen, in Grenzen gehalten werden. \

Diese Aufgabe, Genossen, wird nicht nur im Gebiet des Kernkraftwerks selbst gelöst, sondern auch in wissenschaftlichen Instituten und vielen Betrieben des Landes, die diejenigen mit allem Notwendigen versorgen, die den schweren und gefährlichen Kampf gegen die Havarie unmittelbar führen.

Dank der eingeleiteten wirksamen Maßnahmen kann man heute sagen, daß das Schwierigste hinter uns liegt. Das Schlimmste konnte verhütet werden. Es ist natürlich noch verfrüht, unter das Geschehene einen Schlußstrich zu ziehen, man darf sich nicht in Ruhe wiegen. Uns steht noch eine große und langwierige Arbeit bevor. Das Niveau der Strahlung in der Kraftwerkszone und in dem unmittelbar angrenzenden Territorium bleibt noch gefährlich für die Gesundheit der Menschen.

Deshalb sind die Arbeiten zur Beseitigung der Havariefolgen heute eine erstrangige Aufgabe. Zur Entaktivierung des Kraftwerksgeländes und der Siedlung, der Gebäude und Anlagen wurde ein umfassendes Programm aus-

(Fortsetzung auf Seite 2)

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