5. Februar
13.02.1966 / Seite 1 / Ausland

Das Dementi Von Max Kah an e

Lübke erinnert mich an den Lehrer Bongart aus meiner preußischen Schulzeit. Unablässig tat er nichts als seine Pflicht, gleich, ob er dem Schüler väterlich die Hand aufs Haupt legte oder ihn mit dem Rohr schlug, bis die Gesäßhaut riß- Wir Kinder spürten in seinem Patriarchentum die Heuchelei, in seiner Gerechtigkeit den Sadismus, in seiner Korrektheit den Hochmut. Es war unser Klassenfeind. Nr. 1. Dieser Lehrer und der westdeutsche Präsident gleichen sich in ihrer moralischen Struktur. Ihre Roheit, ihr egoistischer Dünkel," ihr spießiges Mittelmaß, ihr deutscher Beamten- und Befehlsempfängergeist wurden zu Säulen des Nazistaates, der gleich Bonn ein monopolkapitalistischer Klassenstaat war. Seine Verbrechen wurden im Namen und Geiste eines —"'"......■■■■—"«—"- Herrenmenschentums begangen, für das noch heute kein Gewissen gilt. Es leitet Recht nicht von einem allgemeinen Sittengesetz ab, sondern von dem, was der Herrscherkaste nützt. Auf diese Krücken stützt sich auch die Bonner Staatsmoral. Das erklärt die Schwäche und Einfallslosigkeit ihrer Behauptung, die Anschuldigungen gegen Lübke seien erfunden.

Wer dürfte den Mann, der jetzt leutselig Krankenhäuser einweiht auch beschuldigen, je ungarische Juden für seine Lager angefordert zu haben — damals, im Herbst 1944, als Eichmann diese Transporte nur noch gegen Himmlers Befehl in Marsch setzen konnte! Wer den biedermännischen Vorkämpfer

deutscher Volksliedpflege bezichtigen, Unterwelten konstruiert zu haben, schlimmer als Dantes Hölle! Wer den väterlichen Fürsprecher der Zwergschule als einen Organisator der geheimen Kriegsrüstung ausweisen — es sei denn, man wolle dem Staat schaden und sei'1 darum selbst ein Verbrecher! Der Präsident dieses Staates, welcher Zivilisation, Moral, Recht, Freiheit zu verkörpern vorgibt, hat nur seine Pflicht getan, bis fünf Minuten nach zwölf — ganz deutscher Beamter? je nulliger im Zivil, desto forscher und brutaler, im Dienst.

Nein, Lübke ist kein Macbeth. Er erschlug keinen König, nur seine Sklaven schickte er lebendig ins Grab. Ihm graust nicht vor seinen blutbefleckten Händen, wenn er mit dem gleichen „L" die Dementis seiner Verbrechen abzeichnet, wie einst die Baupläne für seine KZ. Nicht einmal weitergelesen hat er das Shakespearedrama über die Stelle hinaus, an der Hitler die Lektüre unterbrach: „Daß nur durch Schuld sich kräftigt, was durch Schuld begann". Das ist Bonns letzte Weisheit geblieben. Die Verbrechen müssen geleugnet werden — nicht weil man sie beging, sondern weil man sie fortsetzt.

Lübke als Präsident ist ein Symbol der fürchterlichen deutsch-imperialistischen Kontinuität von Aggression, Vernichtung und Massenmord, eine unerträgliche und unzumutbare Belastung des Gewissens und des Sicherheitsgefühls der europäischen Völker. Darum muß er gehen — im Namen der Gerechtigkeit, im Interesse des Friedens.

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