7. Februar
22.02.1966 / Seite 1 / Wissenschaften

Einmal müssen wir beginnen

Wer das Sonntagsgespräch des Deutschlandsenders gehört oder gelesen hat, gewann den Eindruck: Hier geht es um sehr ernsthafte, sehr reale und sehr praktische Dinge. Die Ernsthaftigkeit ergibt sich aus der Lage. Wohl nicht zufällig begann Walter Ulbricht mit den Worten: „Wir sind sehr besorgt über die Lage des deutschen Volkes." In Vietnam ist Krieg. Die Bonner Regierung unterstützt die amerikanischen Aggressoren und ist im Begriff, Westdeutschland immer mehr in diesen Krieg zu verwickeln. Aber sie begnügt sich nicht damit, den Kriegsherd in Ostasien anzufachen. Sie setzt alle Kraft ein; um an die Atombombe heranzukommen und dadurch Mittel für .Erpressung oder Angriffskrieg zu erhalten. Jeden Schritt zu einer Rüstungsbeschränkung oder Abrüstung versucht sie deshalb zu blockieren. Zugleich formieren die, Militaristen und Rüstungsmillionäre ihre ' Kräfte im Lande selbst.

Es ist an der Zeit, daß auch die Verteidiger des Friedens und der Demo-; kratie ihre Kräfte formieren. Die Arbeiterklasse ist an Frieden und Demokratie interessiert, sie ist die zahlenmäßig stärkste Klasse in beiden deutschen Staaten. In der DDR hat sie zusammen mit ihren Verbündeten die Staatsmacht in der Hand, in Westdeutschland ist sie potentiell die stärkste politische Kraft Sollen also die Kräfte für die Verteidigung des Friedens formiert werden, so spitzt sich diese Aufgabe auf einen Punkt zu: Die beiden stärksten politischen Parteien der Arbeiterklasse, die SED und SPD, müssen sich zusammenfinden.

Kein Zweifel, das ist dringend erforderlich. Aber ist es denn möglich? Das Sonntagsgespräch bestärkte die Überzeugung, daß beiden Parteien damit eine durchaus reale Aufgabe gestellt ist. Verhandlungen wären in der Tat nichts ganz Neues. Die Gesprächspartner vom Sonntag erinnerten sich ihrer eigenen Erlebnisse. 1932 kamen in Berlin Absprachen zwischen KPD und SPD über gemeinsames Auftreten gegen den Faschismus zustande. 1934 fanden in Prag Verhandlungen mit dem Parteivorstand der SPD statt. In Deutschland kämpften Kommunisten und Sozialdemokraten unter schwierigsten Bedingungen der Illegalität gemeinsam gegen Hitler und gegen den Krieg. In der ersten schweren Zeit des Neubeginns, nachdem der faschistische Staat in Deutschland zerschlagen war, betrachteten die meisten Kommunisten und Sozialdemokraten es als selbstverständlich, gemeinsam zu beraten und zu handeln. Sie taten es in ganz Deutschland.

Man könnte einwenden, das seien eben Zeiten gewesen,8 in denen gemeinsame Gefahr und Not das Trennende zwangsläufig zurückdrängten. Man sollte erkennen, daß gerade eine Zeit der Gefahr wieder herangerückt ist. Unverantwortlich, ja selbstmörderisch wäre es, wenn man erst katastrophale Ereignisse abwarten wollte.

Wie ernst der Offene Brief an die SPD gemeint ist, zeigte sich beim Sonntagsgespräch auch darin; daß die Gesprächspartner äußerst realistisch und praktisch an die Probleme herangingen.

Die amerikanische Nachrichtenagentur UPI überschrieb ihren Bericht über das Sonntagsgespräch: „Ulbricht bietet der SPD Wiedervereinigung mit der SED an." Gerade das tat er nicht, denn das wäre heute keine realistische Zielsetzung. Es geht nicht um eine Vereinigung, sondern um eine Verständigung der SED und der SPD. Genosse Ebert sagte in diesem Zusammenhang ausdrücklich: „Wir können getrennt marschieren, aber wir können einheitlich beraten und einheitlich handeln."

Wesentlich ist, daß ein gemeinsamer Standpunkt in den für das deutsche Volk, brennenden Fragen gefunden wird. Der Friede muß gesichert werden, dazu ist Verständigung nötig. Diesen elementaren Bereich betreffen die sechs Punkte, die Genosse Ulbricht schon in seiner Neujahrsansprache formuliert hat. Daß die SED und die SPD eine gemeinsame Linie, finden, ist das Wichtigste.

Wird dieser Komplex von der SPD für erste Schritte als zu umfangreich erachtet, können wir auch mit Minimumfragen beginnen. Wir können gemeinsam gegen die Kriegspropaganda auftreten. Wir können gemeinsam gegen jede Unterstützung des schmutzigen Krieges der USA in Vietnam kämpfen. Wir können ein gemeinsames Abrüstungsprogramm für Deutschland ausarbeiten. Auch über die Gestaltung des Lebens in beiden deutschen Staaten, über gesellschaftliche Fortschritte können wir Gespräche führen. Wir glauben keineswegs, daß die westdeutschen Arbeiter einfach unsere Erfahrungen über-

(Fortsetzuna Seite 2, Spalte 1)

Fehler gefunden?

Dieser Text wurde nachträglich digitalisiert. Dabei können Fehler bei der automatischen Texterkennung passieren.

Wir sind bemüht, diese zu beheben: Wenn Sie Fehler finden, klicken Sie hier

Vielen Dank!

Seite
Einmal müssen wir beginnen Sozialdemokraten erklären: Der Brief ist gut - das Gespräch muß beginnen USA gegen Wiedervereinigung Verfassungswidrig! Parteitag der SED-Westberlin verboten De Gaulle für Vietnam-Frieden Probleine der nationalen Politik beraten Lübkes Dementis überzeugen nicht Offensive auf 800 km Breite Internationaler Kongreß über Rationalisierung Walter Ulbricht empfing P. K. Koschewoi Festveranstaltung Willi Stoph informierte sich über den Stand der Vorbereitungen Athener Schandurteil Was die Kumpel verlieren Zahlreiche Regierungsund Handelsdelegationen Was der Konzern verdient 30000 Kumpel: Setzt Erhard auf die Halden! Westberliner Senat sagte ab
Jahrgänge durchstöbern
1946 | 1947 | 1948 | 1949 | 1950 | 1951 | 1952 | 1953 | 1954 | 1955 | 1956 | 1957 | 1958 | 1959 | 1960 | 1961 | 1962 | 1963 | 1964 | 1965 | 1966 | 1967 | 1968 | 1969 | 1970 | 1971 | 1972 | 1973 | 1974 | 1975 | 1976 | 1977 | 1978 | 1979 | 1980 | 1981 | 1982 | 1983 | 1984 | 1985 | 1986 | 1987 | 1988 | 1989 | 1990
Tagesausgabe wählen