I,PG- Vorsitzender
Wir Bauern in Zettemin* Kreis Malchin, verstehen gut die Fragen des ZK an die Mitglieder und' Freunde der Sozialdemokratie in Westdeutschland: „Wie soll das einige Deutschland aussehen, das du erstrebst? Soll es ein Deutschland sein, in dem das Volk das geistige Leben im Sinne des Humanismus gestaltet, oder soll es den kapitalistischen Meinungsfabriken gestattet sein, das geistige Leben zu deformieren oder zu vergiften?"
Es ist klar: Wir wollen das Deutschland des Friedens und des Humanismus. Aber das erreichen wir nur, wenn sich die Arbeiter und Bauern in ganz Deutschland verständigen. Das ist der einzige Weg, der uns die nationale Frage lösen hilft. Uns in Zettemin hat das Heimatbuch des Grafen von Schwerin, erschienen in Westdeutschland, zusätzliche Illustrationen für unsere Erkenntnis vermittelt. Kostproben aus dem Buch „Zettemin - ein Leben und Wirken auf dem geliebten Lande" gaben mir kürzlich Redakteure. Darin schildert der Graf das Leben in unserem Dorf, als Ihm noch alles gehörte, vom Hasen auf dem Feld bis zur Arbeitskraft der Bediensteten, der Mägde und Knechte. Er behauptet von sich und seiner Frau Vera: „In jahrzehntelanger sorgenvoller Arbeit war es ihnen gelungen, die Betriebe wieder zu vollem Ertrage und schönster Blüte zu bringen. Sie schufteten Jahr für Jahr, und sie bissen sich eisern durch."
Liest sich das nicht schön? Doch jeder im Dorf lacht darüber; denn jeder weiß: Der Graf hatte keinen blassen Dunst von der Landwirtschaft. Die schönste Blüte seines Wirtschaftens bestand aus Schulden. Der Graf selbst rührte keinen Finger. So wie seine Inspektoren wirtschafteten, fielen die Erträge aus. Und sie schwankten, wie die Inspektoren wechselten. Heute noch erzählen sich die Bauern von—ernfern --Inspektor:1 Seih.. Pferd hat nie einem Halm auf den-Kopf getreten, weil nichts gewachsen war. Noch ^amüsanter aber ist- für uns Bauern diese Behauptung des Grafen: „Ist die Not am größten, dann ist des Herrn Grafen Hilf am nächsten." Der Graf will seinen Lesern weismachen, daß er eine gute Seele für seine Landarbeiter war.
Die Wahrheit aber sieht anders aus. Jahresabschlußlisten, Briefe des Pommerschen Landbundes sprechen eine deutliche Sprache: Sieben Pfennig Stundenlohn bekam ein Landarbeiter. Dazu Deputat für 27 Pfennig. Der karge Lohn der Landarbeiter war aber schon ein Vermögen gegenüber dem Verdienst der zahlreichen' polnischen Schnitter. Sie wohnten in der üblichen Kaserne, drei und vier Familien in einem Zimmer. Der Graf aber verbrauchte jährlich .26 400 Mark - das Zwanzigfache der Bauern.
Mit scheinheiligen Märchengeschichten will Graf von Schwerin den Klassenkampf auf dem Dorfe leugnen und die antinationale Agrarpolitik in Westdeutschland rechtfertigen. Sein Ehrgeiz besteht darin, für die atomare Rüstung, für die Eroberungspolitik die kleinen Bauern der Konkurrenz der EWG zu opfern. Sie sollen blind und wehrlos gemacht werden für die großen Haie der Industrie, der Banken und des Junkertums.
Heute bin ich Vorsitzender der LPG in Zettemin, Kreis Malchin. Unsere Bauern, die einstigen Mägde und Knechte auf dem Gut, erzählen sich hin und wieder Geschichten über den Grafen — Spottgeschichten. Bis dahin war es ein weiter Weg. Für: mich begann er mit folgender Episode: Wir hatten,' wie in Zettemin so auch im Nachbardorf, die Grafen * enteignet.' Jeder Bauer besaß endlich eignes Land und einige Stück Vieh. Aber wenige nur besaßen Ställe. Die Bodenkommission teilte deshalb nicht nur den Boden des Grafen, sondern auch die Gutsmauer auf. Jede Familie sollte sich dort Steine für die Ställe brechen. Doch tagelang tat sich nichts. Täglich gingen wir Bauern an der Grafenmauer vorbei, schielten aus den Augenwinkeln und warteten: „Wer fängt zuerst an?"
Nun hatte ich schon damals nichts gegen Mauern, die uns schützen und nützen. Doch die gräfliche gefiel mir gar nicht. Als erster griff ich zu Meißel und Stemmeisen. Der Stein kam ins Rollen. Stündlich eilten nun Bauern hinzu. Mit jedem Stein brach dia Macht des Grafen auch in den Köpfen der ehemaligen Landarbeiter.
Von diesem Tage an entwickelte sich bei uns Bauern ein neuer Ehrgeiz: Wir wollten die Junkerwirtschaft überflügeln. Das trug gute Früchte. Die heutigen Herren von Zettemin, unsere Bauern, wirtschaften . um ein Vielfaches besser als die'besten Inspekto-
(Fortsetzung Seite 2. Spalte 1)
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