Zum letztenmal nahm ich 1960 an einem SPD-Parteitag teil. Damals .warf Herbert Wehner den Deutschlandplah der SPD und jegliche Eigenständigkeit in ihrer Politik über Bord und bat die CDU, mit ihr gemeinsam Politik machen zu dürfen. Seit sechs Jahren erleben nun "flie sozialdemokratischen' Genossen und Wähler« daß sich durch diese Politik der Gemeinsamkeit alles verschlimmert, daß man aus der Sackgasse, in die die CDU-PolL tik geführt hat, 60 nicht herauskommt. Tatsache ist, daß man gemeinsam tiefer denn je In dieser Sackgasse steckt, weil sich ja die - aggressiven Ziele der Bonner Politik nicht geändert haben. Auf diesem Parteitag in Dortmund gab es manches, was einen plötzlich aufhorchen ließ. Doch stets folgte sofort zur- Absicherung gegenüber , der- CDU- Regierung eine antikommunistische Attacke oder die Versicherung, nichts im Alleingang tun zu wollen. Ein mit großem Knall abgefeuertes Geschoß erwies sich dann jedesmal wieder als Blindgängen .
In Gesprächen mit Delegierten und Journalisten hörte man immer wieder vor allem das Argument, daß die SPD nichts im Alleingang tun dürfe.' Dabei ist .doch die Sozialdemokratie nun wahrhaftig kein kleines Kind mehr, das nur ander Hand der CDU-Mutter auf die andere Straßenseite gehen kann. Es war auf diesem Parteitag von notwendigen Veränderungen die Rede, Mit der CDU gemeinsam wird das nicht gelingen. Sprecher des, Parteivorstandes mußten doch/ selbst immer wieder zugeben, daß sie es „leider erfolglos0 versucht 'hätten. Mit der CDU lassen sich die Dinge allenfalls so" verändern, daß sie der CDU-Führung nutzen, und das kann der Bundesrepublik und der'ganzen Nation nur schaden.
Notwendig ist also eine Alternative. Sie erfordert, sich aus der Umklammerung der Erhard-Partei zu lösen, sie verlangt nun einmal, eine von der CDU selbständige, sozialdemokratische Politik zu betreiben!" Das Ergebnis des Parteitages, zu dem noch manches zu sagen sein wird, läßt die Sorge offen, daß sich leider zunächst noch nicht viel ändern wird. Allerdings haben sich — wenn auch unzureichend — auf dem Parteitag auch jene zu Wort gemeldet, die ausdrückten, was viele sozialdemokratische Mitglieder und Wähler denken: Ob denn die sechs Jahre seit Hannover, in denen zwei Bundestagswahlen stattfanden, die der SPD zwei Wahlniederlagen einbrachten, immer noch nicht ausreichen, um jetzt endlich einmal die Gemeinsamkeit mit der CDU über Bord zu werfen und die Gemeinsamkeit mit jenen Kräften zu suchen, die der Meinung sind, daß sich in Westdeutschland etwas ändern muß?
Es wird gut'-für die Sozialdemokratie sein; wenn diese Kräfte weiter vorankommen.
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